Verlagsvorschau 2021

2 Wir schreiben das Jahr 1550 Hans hielt eine Feder in der Hand. Er saß an einem groben Holztisch. Darauf stand ein Tintenfass. Mehrere Papierblätter waren über den Tisch verstreut. Er sah auf das angefangene Schriftstück vor sich und verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen. Etwas quietschte erbärmlich in kurzen Abstän- den. Er fuhr sich durch die Haare, blickte zornig nach oben, schloss dann die Augen und seufzte. Diese vermaledeite Wet- terfahne! Plötzlich sprang eine schimmernd schwarze Katze auf den Schreibtisch. Sie strich mit ihrem Körper an Hans’ Arm vorbei und machte es sich auf den Papieren gemütlich. Er lächelte überrascht: „Minou, was verschafft mir die Ehre? Wenigstens eine, die mich hier im Kerker besucht, we- nigstens eine ...“ Er streichelte das Tier abwesend und dachte: „Sonst hab’ ich alles verloren ... Alles, auch sie. Sie vermisse ich noch mehr als meine Freiheit.“ Er schüttelte den Kopf und wischte sich über die Augen. „Dabei ist es noch gar nicht lange her, da war alles gut, meine Welt noch in Ordnung.“ Minou schnurrte, drehte sich um sich selbst und legte sich auf einen kleinen Blätterstapel. „Dieser Sommer, der Sommer, in dem alles begann: mein größtes Glück und mein größtes Unglück.“  Es war Juni. Der Teufelsweiher lag in der strahlenden Sonne, umsäumt von sattem Grün. Die Äste der Laubbäume und Sträucher hingen ins Wasser. So hatte Hans seinen Lieblingsplatz vor den Toren von Frankfurt noch nie gesehen. Die Jahre zuvor waren immer kälter geworden. Die alten Leute erzählten, wie ihre Großel- tern hier, als Kinder, gebadet hatten. Jetzt war der Weiher meist bis weit in den März zugefroren. Viele der Alten waren überzeugt, dass hier die Hexen ihre Hände mit im Spiel hatten. Er stieg vom Pferd. Hektor, der Braune mit der schwarzen Mähne, begann sofort in der Blumenwiese zu grasen. Er rich- tete seinen Hut und pfiff nach Brutus, seiner kleinen rötlichen Bracke mit der weißen Vorderfront. Am blauen Himmel über ihm flog ein großer Schwarm Wildgänse. Hans nahm die Flinte aus der Satteltasche, strich zärtlich über ihren Lauf und meinte: „So, Philippa, zeig, was du kannst!“ Er legte das Gewehr an und zielte. Sein Schuss traf einen Vogel perfekt. Wie ein Stein fiel er vom Himmel in den See. Ein lauter Aufschrei riss ihn aus seinem Stolz über den ge- lungenen Schuss. Brutus spurtete los. Am Ufer bellte er schwanzwedelnd die junge Frau an, die mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen im Wasser stand. Neben ihr trieb der tote Vogel. Brutus lief in den See, schwamm eiligst zur Beute, schnappte sie, ohne die Frau weiter zu beachten, so sehr war er in seinem Element, und strebte zurück zum Ufer. Mit dem Vogel im Maul rannte er auf seinen Herrn zu, um ihm sitzend und schwanzwedelnd die Beute zu präsentieren. Doch der bemerkte ihn kaum und eilte an ihm vorbei zu der Stelle am Wasser, wo sie stand. Neben ihm im Gras entdeckte er ihre Kleider. Den Anblick würde er nie vergessen. LESEPROBE

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